Reisetipp: Beinhäuser in Europa

Goldener Schädel im Beinhaus in Oppenheim

Was haben Paris, die tschechische Stadt Kutna Hora und die Ewige Stadt Rom gemeinsam? An allen Orten finden sich Beinhäuser, also Orte an denen Gebeine von zahlreichen Menschen bestattet sind. Sie werden auch Karner oder Ossarien genannt. Heute sind diese kleinen, auf Friedhöfen stehenden Gebäude eher selten. Viele dieser letzten Ruhestätten können besichtigt werden.

Die Geschichte der Beinhäuser

Beinhäuser sind weltweit bekannt. Das Älteste der Welt findet sich in der Nähe der türkischen Stadt Ergani. Dort liegen die Überreste der jungsteinzeitlichen Siedlung Cayönü Tepesi, deren Bauwerke über 10000 Jahre alt sind. Bemerkenswert war der Fund eines Gebäudes, in denen die Bewohner des Ortes die Schädel der Verstorbenen aufbewahrten. Es gibt Hinweise darauf, dass dort auch Menschenopfer stattgefunden haben. In späteren Zeiten kommen Häuser vor, die als primäre Gräber der Toten dienten. Zum einen wären da die Megalithgräber zu nennen, die sehr wahrscheinlich Häuser symbolisieren sollten. Eindeutiger waren die Totenhäuser der Bronzezeit, in denen oftmals mehrere Generationen bestattet wurden. Teilweise wurden solche Häuser auch für Pferde errichtet. Aber warum waren sie Bestandteil der Bestattungskultur?

Beinhaus in Cayönü in der Türkei
Schädelgebäude der Siedlung Cayönü Tepesi in der Türkei. Foto: Krähenstein CC-BY-SA 3.0

Antike: Von der Brandbestattung zum Körpergrab

Ungefähr in der Mitte des 2. Jahrhunderts nach Christus ließ sich in der römischen Gesellschaft eine Wandlung in der Bestattungspraxis feststellen. Die vormals vorherrschende Sitte der Brandbestattungen wich der Bestattung des unversehrten Körpers. Wahrscheinlich waren die hohen Kosten, die mit der Errichtung eines Scheiterhaufens entstanden und die aufkommende Dominanz orientalischer Religionen wie des Christen- oder dem Judentums die Hauptgründe dafür. Die Möglichkeit repräsentative Gräber zu errichten, die an römischen Straßen errichtet wurden, dürfte eine weitere Motivation gewesen sein. 

Römergrab Köln-Weiden
Römergrab Köln-Weiden Foto: Konrad Förstner. CC0

Der benötigte Platz für die Körperbestattungen war natürlich enorm, was schnell zu einem Platzproblem führte. Schon Ende des 2. Jahrhunderts lässt sich erkennen, dass neben dem Bau von überirdischen Anlagen auch unterirdische Katakomben errichtet wurden, um diesem Missstand entgegen zu wirken. Unter Papst Damasus (366 – 384) erfuhren die Katakomben einen Umbau, um den Märtyrerkult zu fördern. Dadurch wurde es bei der Bevölkerung beliebt die Gräber ad sanctos, also in der Nähe eines Heiligen anzulegen. Man erhoffte sich dadurch, dass die Seele durch die Aura, die die Reliquien verströmten, im Jenseits geschützt werden würde.

Bestattungen im Mittelalter und der Frühen Neuzeit

Spätestens bei der Ausbreitung des Christentums und der damit verbundenen Auflösung der alemannischen Reihengräbern im 8. Jahrhundert und dem Verbot der Brandbestattungen durch Karl dem Großen im Jahre 785, verlegten die Zeitgenossen die Friedhöfe im gesamten Frankenreich in die Städte. 

Kirche mit Friedhof
Um eine Kirche liegende Gräber. Foto: Arne Müseler www.arne-mueseler.com hallo@arne-mueseler.com CC-BY-SA 3.0

Die Toten sollten immer in der Nähe einer Kirche sein, da man sich dadurch auch einen Schutz der Seele erhoffte. Noch heute kann man im Stadtzentrum vieler Orte eine Kirche sehen, um die herum ein kreisrunder Friedhof liegt. Die Größe dieser so genannten Kirchhöfe war durch verschiedene Konzilien begrenzt worden. Die Toten sollten innerhalb der schützenden Wirkung der im Altar verstauten Reliquien bleiben, weshalb die Größe durch diese Strahlkraft bestimmt wurde. Dadurch war der Platz begrenzt und man musste eine Grabstelle mehrfach nutzen. Es stellte sich nun die Frage, wie man mit den älteren Gebeinen verfahren sollte.

Beinhäuser – Aufstieg durch Pest und Hungersnot

Als im 14. Jahrhundert die Sterblichkeit infolge einiger Hungernöte und der großen Pest von 1348 drastisch anstieg, wurde die Frage noch dringender. So entschied man sich auf den Friedhöfen Beinhäuser zu errichten, in denen die älteren Knochen aufbewahrt wurden. Ab dem 17. Jahrhundert wurden die Friedhöfe planmäßiger angelegt. Die theologischen Vorstellungen änderten sich durch dem immer stärkeren Einfluss der Reformation merklich. Dadurch wurden Beinhäuser unwichtiger und verschwanden langsam von den Friedhöfen. Sie wurden entweder abgerissen oder dienten als Abstellkammern wie im hessischen Waldeck. Nur wenige sind heute noch erhalten und noch weniger sind mit Gebeinen bestückt.

Beinhaus in Pottenstein in Österreich
Beinhaus im österreichischen Pottenstein. Foto: Karl Gruber CC-BY-SA 3.0

Die interessantesten Beinhäuser Europas

Es mag etwas pietätlos erscheinen, die letzte Ruhestätte vieler Menschen als Reiseziel ins Auge zu fassen, aber diese Form der Tourismus hat eine längere Tradition. So fanden regelmäßig Wallfahrten zu den Gräbern von Heiligen statt und man reiste auch gern zu den römischen Katakomben. Noch heute sind die Grabstätten von berühmten Personen ein Anziehungspunkt für Reisende, die dem Prominenten so ihre Referenz erweisen. Wer also Respekt und Achtung an den Tag legt, kann den Beinhäusern ohne Schuldgefühle einen Besuch abstatten.

Spektakulär: Das Beinhaus in Oppenheim

In Deutschland finden sich primär im süddeutschen Raum noch Beinhäuser, in denen Knochen zu sehen sind. Eines der größten und schönsten findet sich in dem kleinen Ort Oppenheim in Rheinland Pfalz. Dort sind direkt hinter der Katharinenkirche die Gebeine von mehr als 20000 Menschen zu sehen. Heute sind die Knochen ordentlich an den Wänden gestapelt und in der Mitte springt dem Besucher ein goldener Schädel ins Auge. Viele Geschichten drehen sich um diesen Schädel. Kinder erzählen, dass er von einem König stammt. Die Realität ist jedoch wesentlich banaler. Er war ursprüngliche die Requisite eines Filmes, der dort gedreht wurde. Nach den Dreharbeiten fand er dort seine letzte Ruhestätte. Auch heute noch werden die Knochen aus archäologischen Funden in dem Beinhaus untergebracht. Daher kann man sagen, dass das Oppenheimer Beinhaus eines der wenigen ist, das heute noch benutzt wird.

Beinhaus Oppenheim Schädel und Knochen
Knochen und Schädel im Beinhaus Oppenheim. Foto: Jörg Scheidt

Interessiert? Das Beinhaus ist nicht öffentlich zugänglich, Besucher können die Knochen nur durch ein Gitter sehen. Im Rahmen einer speziellen Führung ist ein Besuch aber möglich.

Kunst mit Knochen – Die Goldene Kammer in Köln

In Köln findet sich auch noch ein Beinhaus, das besonderer Beachtung bedarf. In der so genannten Goldenen Kammer, die sich in der Kirche St. Ursula befindet, wurden tausende von Knochen zu der künstlerischen Ausgestaltung des Raumes verwendet. Zwar ist die artifizielle Aufbahrung von Knochen auch in Bayern bekannt, aber solch ein Bildnis ist in Deutschland wohl einmalig. Die Knochen stammen laut einer Legende von den 11000 Ursulinen, die zusammen mit der heiligen Märtyrerin Ursula von den Hunnen auf einer Pilgerfahrt in Köln getötet wurden. Wahrscheinlicher ist, dass die Knochen von einfachen Bürgern des römischen Köln stammten, die in dem heute als eine unhistorische Figur, deren Namen von einem Kindergrab, das in der Nähe der Kirche entdeckt wurde, stammt. Trotzdem ist die Goldene Kammer ein lohnendes Ziel in Köln. Auch außerhalb Deutschland gibt es einige spannende Beinhäuser zu sehen.

Die Goldene Kammer in der Kirche St. Ursula in Köln
Goldene Kammer in Köln. Foto: Jörg Scheidt

Zwischen Montag und Samstag ist die Goldene Kammer zwischen 9 bis 12 Uhr und zwischen 15 und 17 Uhr geöffnet. Am Sonntag zwischen 15 und 17 Uhr. Wer sie besichtigen will, muss zuvor das Pfarramt unter der Telefonnummer 0211-931842-0 kontaktieren.

Tschechien – das Beinhaus Kutna Hora bei Prag

Wahrlich spektakulär ist ein Beinhaus im tschechischen Kutna Hora. Dieser Ort liegt nur ungefähr eine Autostunde von Prag entfernt und ist auch berühmt für seine mittelalterliche Münzprägestätte. In diesem einmaligen Gebäude wurden die Knochen der Verstorbenen zu einem Kronleuchter, mehreren Schalen und einem Wappen zusammengefügt und bilden so ein makaberes und unvergessliches Bild. Auch der kleine, benachbarte Friedhof ist einen kurzen Besuch wert, da sich dort durchaus interessante Gräber finden.

Das Ossarium, in dem auch der Fantasy-Film Dungeons and Dragons gedreht wurde, befindet sich in der unteren Etage der Allerheiligenkirche auf dem Friedhof von Sedletz.

Rom – die letzte Ruhestätte der Kapuziner

Wenig bekannt, aber wirklich lohnenswert ist das Beinhaus des Kapuzinerordens in Rom. Innerhalb des Klosters finden sich im Keller verschiedene Kammern, in denen die Knochen der verstorbenen Mönche untergebracht sind. Jede der Kammern hat ein Thema, das die in dem Raum verwendeten Knochen bestimmt. An den Wänden hängen, ähnlich wie in den Katakomben von Palermo, einige Leichen der Mönche. An der Decke des letzten Raumes schaut alles überragend ein Sensenmann von der Decke, der aus echten Knochen besteht.

Der ungewöhnliche Ort hat täglich zwischen 9 und 19 Uhr geöffnet. Volljährige Personen zahlen 8,50 Eintritt.

Schauriges in Frankreich – die Katakomben von Paris

Das größte Beinhaus Europas, vielleicht auch der Welt, findet sich in Paris. Dort wurden die Gebeine von mehr als 6 Millionen Menschen gestapelt. Nur ein kleiner Teil, der als Katakomben bekannten Anlage, wird als Beinhaus genutzt. Das gesamte Gangsystem ist mehr als 300 km lang und weite Teile davon sind heute unbekannt und unerforscht. Dieser Ort ist stets von einer Aura des Geheimnisvollen umgeben. Touristen dürfen lediglich den Beinhausteil betreten, aber dieser ist mehr als sehenswert.

Die Katakomben von Paris
Die Katakomben von Paris. Foto: ignis CC-BY-SA 3.0

Wichtig: Die Katakomben von Paris sollten Besucher nicht während einer illegalen Tour erkunden, da die Ordnungshüter von Paris dies ahnden. Interessante Informationen sind hier zu finden.

Weitere morbide Sehenswürdigkeiten:

  • Der Melaten-Friedhof in Köln
  • Cimetière du Père-Lachaise in Paris
  • UNESCO-Welterbe Skogskyrkogården in Stockholm
  • Wiener Zentralfriedhof

Titelfoto: Jörg Scheidt – all rights reserved

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